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Der Schuttabladeplatz der Zeit spült Vieles an – „man muss nur etwas damit anfangen können“, gesteht die Puppenmutter. Traudl Entner ist keine Sammlerin im eigentlichen Sinn, denn sie interessiert sich nicht für den Originalzustand. „Ich will etwas aus dem machen, was Andere für wertlos halten“, stellt sie klar. Und mit dieser bewahrenden Haltung ist sie im Laufe ihres Lebens durchaus angeeckt: „Eigentlich bin ich schon immer so. Meine Mutter hatte dafür aber kein Verständnis. Sie meinte, ich solle den Abfall im Mülleimer lassen und etwas Vernünftiges machen.“ Schließlich ist der Alpbachtaler bodenständig und fleißig. Fleißig ist Traudl Entner auch, aber sie weiß was sie will: In der von Männern dominierten österreichischen Abfallwirtschaft setzte sie erfolgreich weibliche Signale, trennte die menschlichen Hinterlassenschaften effektiver als ihre Kollegen. Ihr Beruf führte konsequenterweise zur ständig wachsenden „Spielzeug aus Müll“-Sammlung auf dem Aspenhof.
Tschernobyl und die persönlichen Folgen: Die Atomkatastrophe in der Ukraine beschleunigte indirekt Traudl Entners Traum vom etwas anderen Puppenmuseum. Denn die Caritas holte in den frühen 90er Jahren Kinder aus dem Strahlengebiet um Tschernobyl zur Erholung ins Alpbachtal. Gemeinsam mit ihrer Freundin und Kollegin Maria nahm sie sich der Kleinen an – und entdeckte dabei, dass es nicht nur an Essen, Kleidung und gesunder Natur fehlte: „Die Kinder brachten kaputtes Spielzeug mit, das ich dann reparierte. Das war oft das Wichtigste“, sagt Traudl Entner. Eine Puppe ist ein lebenswichtiger Bezugspunkt, denn sie liefert in schlimmen Situationen Trost. Die Tschernobyl-Kids kamen aber auch wegen der Tiere auf den Aspenhof. Entner bezeichnet sich als „Ziegennärrin“ und erzählt, dass ihr kleiner Streichelzoo beruhigend auf die Jungen und Mädchen wirkte, die an struktureller Traumatisierung litten, wie der Psychologe attestierte. Traudl Entner hielt ihr Umfeld als heilsames Gesamterlebnis dagegen.
Kleiderhaken und Vorhangstoff: Würden die Spielzeuge, die in Breitenbach zu sehen sind, leben, sie würden ebenfalls von tiefen Verletzungen berichten – das steht für die Puppenmutter, die auch Puppenärztin ist, fest. Oft sind diese Wunden auch im Material sichtbar: Das Porzellan oder das Celluloid brüchig, das Plastik stumpf. Statt den Haaren zeugen Löcher von der Zerstörung, Gliedmaßen und Augen fehlen, oft muss auch ein neuer Kopf transplantiert werden – wo die Medizin beim Menschen an ihre Grenzen stößt, fängt die Arbeit von Traudl Entner erst an. Ihre Puppen sind nach der Restauration natürlich nicht mehr zum Spielen da, aber zum Anschauen und Verweilen schon. Denn das jeweilige Ambiente wird genauso liebevoll hergestellt wie Sissis Hofdame oder die Familie in der herzigen Puppenküche.
Kleiderhaken verwandelt Entner in stilechte Beine für einen Biedermeierschrank, Küchenfliesen kommen aus dem Bauschutt und alter Vorhangstoff wird zu einem gediegenen Kleid. Traudl Entner führt zusammen, was zumindest jetzt wirklich zusammengehört – und das macht sie so gut, dass ihre Gäste immer wieder kommen. Manche bringen sogar was mit: „Ein deutscher Urlauber hat sich von mir eine wirklich alte Puppe reparieren lassen.“ Andere überlassen ihr ein wenig Müll, und aus dem zaubert sie ein neues Diorama. Eines wie die Bärenhochzeit, bei der die „Wildegger Herzbuben“ aufspielen. Die sind zwar genauso rundlich wie ihre menschlichen, leicht anders geschriebenen Vorbilder, aber mit Knopfaugen, Fell und Mini-Trachten viel knuffiger. Auch der Musikantenstadl hat seinen Platz im Stall von Breitenbach. Eine Führung durch das Puppenmuseum lohnt sich auf jeden Fall – aber für viele darf es gern auch ein zweiter oder dritter Besuch sein. Denn die Spielsachen präsentieren sich nicht nur in neuem Glanz, sie strahlen auch die Herzlichkeit von Traudl Entner aus. Und der Stoff für spannende Geschichten geht ihr genauso wenig aus wie der für Brautkleider, Schürzen oder Gardinen.
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